Die Arroganz des Igels Juni 6, 2009

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Muriel Barbery – Die Eleganz des Igel

Ja, ich finde mich manchmal arrogant. Ab und an halte ich mich auch für etwas Besseres. Trotzdem kann ich es nicht leiden, wenn jemand sein Buch in einen großen Topf voller intellektueller Überlegenheit tunkt, sodass es von dieser nur so tropft.
Fast alle Sätze, die Muriel Barbery ihren Hauptfiguren in den Mund legt, deuten darauf hin, dass sich die beiden Frauen – und mit ihnen die Autorin – ihren Mitmenschen und damit letztendlich auch dem Leser überlegen fühlen. Ein “Ich bin so belesen” hier, ein “Die Menschen an sich sind so einfältig” da.
Das Buch hätte mir vielleicht gefallen, wenn die Autorin ihre an sich nicht schlechte Grundidee anders umgesetzt hätte. Ich habe nichts gegen innere Handlung und Kommentare, aber ein bisschen mehr äußere Handlung, ein bisschen mehr Spannung wäre wirklich schön gewesen. Eine Concierge und die Tochter reicher Eltern, die beide sehr inteeleganzlligent sind und es sich damit sogar erlauben können, ein bisschen arrogant zu sein, lassen sich im Wechsel über das aus, was die anderen tun, während sie selbst eher wenig tun. Die fehlende äußere Handlung kann durch den “philosophischen” Gehalt der Beobachtungen leider gar nicht kompensiert werden.
Dargestellt werden oft isolierte Situationen aus dem Alltag der beiden Frauen, die sie teils ironisch, teils distanziert kommentieren und bewerten. Als ein neuer Bewohner in das Haus einzieht, in dem sie leben und arbeiten, geht plötzlich alles ganz schnell – innerhalb weniger Kapitel scheint die Autorin das aufholen zu wollen, was im ersten Teil des Romans auf der Strecke geblieben ist.
Betrachtet man die 12-jährige Paloma mit dem gleichen abgeklärten und altklugen Blick, mit dem sie auf ihre Familie schaut, wirkt sie auf einmal fast niedlich,  und liebenswürdig, was ihr wahrscheinlich gar nicht gefallen würde. Mich erinnert ihr “Tagebuch der Bewegung der Welt” ein bisschen an meine Aufzeichnungen und Gedanken mit 14, 15, die mir im Nachhinein etwas peinlich sind. Vielleicht meint auch Muriel Barbery ihre kleine Protagonistin nicht ganz ernst… Fast noch skurriler erscheint Renée, die Concierge, die ihre Intelligenz im Halbdunkel ihrer kleinen Wohnung versteckt. Wozu das Versteckspiel? Wenn sie dem Leser zeigen kann, wie gut sie sich in der russischen Literatur auskennt, wieso nicht auch dem einfältigen Palais-Bewohner?
Ja, einige Passagen des Buchs sind wirklich gelungen. Es finden sich passende Beobachtungen und rührende Kommentare der beiden Frauen zu alltäglichen Szenen, die mich zum Schmunzeln oder auch zum Nachdenken gebracht haben.
Wer nichts gegen alltagsphilosophisches, intellektuelle Geschwurbel in Unterhaltungsromanen hat, sollte “Die Eleganz des Igels” sofort lesen. Als Urlaubslektüre nur eingeschränkt empfehlenswert.

 

“Innere Zerrissenheit” Juni 5, 2009

Einsortiert unter: la littérature — lenalullaby @ 00:29

Alexa Hennig von Lange – Risiko

Buch_RisikoAm Freitag habe ich im Zug mein Buch vergessen. Im kleinen Netzfach des Sitzes vor mir ist “Musicophilia” von Oliver Sacks ohne mich nach Stralsund gefahren.
Am Wochenende brauchte ich kein Buch (siehe unten), aber am Montag hätte ich ohne 28 Minuten lang ohne Ablenkung in Düsseldorf rumgesessen. Also schnell in die Bahnhofsbuchhandlung und gucken, was mich spontan anspricht. Alexa Hennig von Lange… mag ich… Klappentext klingt in Ordnung… kauf ich.

Leute sind sicherlich oft “innerlich zerrissen”. Allerdings sagen sie das nie, es sind höchstens die Autoren, die ihnen dieses Gefühl zusprechen. Nirgendwo sind so viele Menschen “innerlich zerrissen” wie in der Literatur. So auch die Protagonistin hier. Klar, wie soll man sich auch sonst fühlen, wenn es das Schicksal bisher nicht besonders gut mit einem meinte und man jetzt auch noch eine Affäre mit der Jugendliebe hat, obwohl man seinen Mann doch noch liebt? Wo es um Liebe geht, ist die Eifersucht nicht weit.
In “Risiko” scheint sie die treibende Kraft zu sein, aus der die Handlung entsteht. Die Handlung, ja. Ein Thriller soll das Buch sein, und die Handlung ist dem Genre angemessen spannend. Allerdings nicht immer nachvollziehbar oder logisch und zum Ende hin etwas langatmig.
Weniger gelungen finde ich die Charaktere, deren Facettenreichtum zwar angedeutet wird, dann aber doch etwas auf der Strecke bleibt- nur ein, zweib Charakterzüge pro Person werden fixiert und ausgearbeitet. Unklar bleibt mir auch die Funktion einiger Nebencharaktere.
Ich bin ein bisschen “innerlich zerrissen”, was das Buch angeht. Es lässt sich gut lesen, die knapp 280 Seiten kamen mir weniger vor, die Geschichte war gut, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass mir etwas gefehlt hat.
Da ich aber nicht sagen kann, was genau das war, empfehle ich das Buch weiter. Sollte jemandem etwas fehlen, so teile er oder sie es mir bitte mit (:

 

Dass man das stärker liebt, was man seltener sieht Juni 4, 2009

Einsortiert unter: la musique,la vie — lenalullaby @ 23:42

Orange Blossom Special

Es ist ein wunderbares Gefühl, frisch gebadet auf dem bequemen Sofa zu sitzen. Wesentlich komfortabler, als in einem Zelt zu liegen und kaum ein Auge zuzubekommen, weil es eng ist, kalt und gleichzeitig stickig.
Zelt hin oder her – das Pfingstwochenende war eines der besten Wochenenden des Jahres. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass der Bus einfach so an uns, die wir bepackt mit Zelt, Kleidung und Essen und so ein bisschen “wie die Asis” an der Haltestelle standen, vorbeigefahren ist.

Trotzdem haben wir uns dann “gefreut wie die kleinen Kinder” (K. Gropper), als wir unser Zelt endlich auf der Beverungener Kuhweide aufgestellt hatten. Zweieinhalb Tage lang großartige Musik bei ebenso großartigem Wetter lagen vor uns.

Es ist schwierig, alle Eindrücke in Worte zu fassen, die die Musik bei mir hinterlassen hat, da einige Auftritte nur mit dem Wort “überwältigend” angemessen gewürdigt werden können.
Das gilt insbesondere für Get Well Soon, die als Kirsche auf dem Sahnehäubchen am Sonntagabend gespielt haben. “Die deutschen Arcade Fire”, könnte man sagen. Allerdings will ich gar nicht vergleichen, da die sieben Musiker eine einzigartige Show hingelegt haben. Beeindruckend, wie Rock’nRoll ein Kinder-Glockenspiel sein kann! Gefühlsausbrüche Deluxe!
Mein persönlicher Liebling ist Kristoffer Ragnstam, ein Schwede, der – genau wie sein Landsmann und Namensvetter Kristofer Åström – ganz wunderbare Musik macht. Der Teenie in mir konnte nicht anders, als das Handy zu zücken, um Kristoffer zu fotografieren. Jetzt ziert ein Foto von ihm den Handyhintergrund, und das letzte “Sweet Bills”-T-Shirt ist in meinem Besitz.
I am Kloot und ihre Songs über irgendwas “and disaster” waren auch überwältigend, ebenso The Miserable Rich, deren “symphonischer Kammerpop” mit Rotwein und Streichern reif für die ganz große Bühne ist. Allerdings würde ich auch nicht nein sagen, wenn sie in meinem Wohnzimmer etwas Kammermusik machen wollen würden. Sehr niedlich fand ich hier auch das Deutsch des Sängers, das sogar über “Dankeschön!” und “Prost” hinausging, woran sich alle anderen versucht haben.
Highlight des ersten Abends waren Washington, die laut Julia endlich mal wie die Weltstars behandelt wurden, die sie eigentlich sein sollten. Und das völlig zu Recht!

Sehr angenehm war auch die gesamte Festivalatmosphäre inklusive Minicalzone, Müllkindern und rappend im Kaffeezelt sitzen.
Praktisch: Der Kik in der Nähe des Festivalgeländes, dessen Taschenlampen uns davor gerettet haben, auch in der zweiten Nacht nur mit dem Licht der Handys zum Zelt finden zu müssen…  Plus Strohhut und Hello-Kitty-Quatsch.

Ich freue mich aufs nächste Jahr! Bis dahin gilt: Ich liebe das stärker, was ich seltener sehe. Allerdings kann ich mir’s in Zukunft ständig anhören, weil ich direkt am Dienstag eine beachtliche Amazon-Bestellung abgeschickt habe. Und das eigene Bett, die eigene Dusche, die liebe ich ja auch.

P.S.: Wie hieß noch gleich die Band, die vor Washington gespielt hat? Was mit S? Ach nee, Gods of Blitz. Aber war gut, dass sie das ungefähr hundert Mal gesagt haben, ich hätts sonst vergessen.

 

 
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