Dass man das stärker liebt, was man seltener sieht Juni 4, 2009

Einsortiert unter: la musique,la vie — lenalullaby @ 23:42

Orange Blossom Special

Es ist ein wunderbares Gefühl, frisch gebadet auf dem bequemen Sofa zu sitzen. Wesentlich komfortabler, als in einem Zelt zu liegen und kaum ein Auge zuzubekommen, weil es eng ist, kalt und gleichzeitig stickig.
Zelt hin oder her – das Pfingstwochenende war eines der besten Wochenenden des Jahres. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass der Bus einfach so an uns, die wir bepackt mit Zelt, Kleidung und Essen und so ein bisschen “wie die Asis” an der Haltestelle standen, vorbeigefahren ist.

Trotzdem haben wir uns dann “gefreut wie die kleinen Kinder” (K. Gropper), als wir unser Zelt endlich auf der Beverungener Kuhweide aufgestellt hatten. Zweieinhalb Tage lang großartige Musik bei ebenso großartigem Wetter lagen vor uns.

Es ist schwierig, alle Eindrücke in Worte zu fassen, die die Musik bei mir hinterlassen hat, da einige Auftritte nur mit dem Wort “überwältigend” angemessen gewürdigt werden können.
Das gilt insbesondere für Get Well Soon, die als Kirsche auf dem Sahnehäubchen am Sonntagabend gespielt haben. “Die deutschen Arcade Fire”, könnte man sagen. Allerdings will ich gar nicht vergleichen, da die sieben Musiker eine einzigartige Show hingelegt haben. Beeindruckend, wie Rock’nRoll ein Kinder-Glockenspiel sein kann! Gefühlsausbrüche Deluxe!
Mein persönlicher Liebling ist Kristoffer Ragnstam, ein Schwede, der – genau wie sein Landsmann und Namensvetter Kristofer Åström – ganz wunderbare Musik macht. Der Teenie in mir konnte nicht anders, als das Handy zu zücken, um Kristoffer zu fotografieren. Jetzt ziert ein Foto von ihm den Handyhintergrund, und das letzte “Sweet Bills”-T-Shirt ist in meinem Besitz.
I am Kloot und ihre Songs über irgendwas “and disaster” waren auch überwältigend, ebenso The Miserable Rich, deren “symphonischer Kammerpop” mit Rotwein und Streichern reif für die ganz große Bühne ist. Allerdings würde ich auch nicht nein sagen, wenn sie in meinem Wohnzimmer etwas Kammermusik machen wollen würden. Sehr niedlich fand ich hier auch das Deutsch des Sängers, das sogar über “Dankeschön!” und “Prost” hinausging, woran sich alle anderen versucht haben.
Highlight des ersten Abends waren Washington, die laut Julia endlich mal wie die Weltstars behandelt wurden, die sie eigentlich sein sollten. Und das völlig zu Recht!

Sehr angenehm war auch die gesamte Festivalatmosphäre inklusive Minicalzone, Müllkindern und rappend im Kaffeezelt sitzen.
Praktisch: Der Kik in der Nähe des Festivalgeländes, dessen Taschenlampen uns davor gerettet haben, auch in der zweiten Nacht nur mit dem Licht der Handys zum Zelt finden zu müssen…  Plus Strohhut und Hello-Kitty-Quatsch.

Ich freue mich aufs nächste Jahr! Bis dahin gilt: Ich liebe das stärker, was ich seltener sehe. Allerdings kann ich mir’s in Zukunft ständig anhören, weil ich direkt am Dienstag eine beachtliche Amazon-Bestellung abgeschickt habe. Und das eigene Bett, die eigene Dusche, die liebe ich ja auch.

P.S.: Wie hieß noch gleich die Band, die vor Washington gespielt hat? Was mit S? Ach nee, Gods of Blitz. Aber war gut, dass sie das ungefähr hundert Mal gesagt haben, ich hätts sonst vergessen.

 

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