Muriel Barbery – Die Eleganz des Igel
Ja, ich finde mich manchmal arrogant. Ab und an halte ich mich auch für etwas Besseres. Trotzdem kann ich es nicht leiden, wenn jemand sein Buch in einen großen Topf voller intellektueller Überlegenheit tunkt, sodass es von dieser nur so tropft.
Fast alle Sätze, die Muriel Barbery ihren Hauptfiguren in den Mund legt, deuten darauf hin, dass sich die beiden Frauen – und mit ihnen die Autorin – ihren Mitmenschen und damit letztendlich auch dem Leser überlegen fühlen. Ein “Ich bin so belesen” hier, ein “Die Menschen an sich sind so einfältig” da.
Das Buch hätte mir vielleicht gefallen, wenn die Autorin ihre an sich nicht schlechte Grundidee anders umgesetzt hätte. Ich habe nichts gegen innere Handlung und Kommentare, aber ein bisschen mehr äußere Handlung, ein bisschen mehr Spannung wäre wirklich schön gewesen. Eine Concierge und die Tochter reicher Eltern, die beide sehr inte
lligent sind und es sich damit sogar erlauben können, ein bisschen arrogant zu sein, lassen sich im Wechsel über das aus, was die anderen tun, während sie selbst eher wenig tun. Die fehlende äußere Handlung kann durch den “philosophischen” Gehalt der Beobachtungen leider gar nicht kompensiert werden.
Dargestellt werden oft isolierte Situationen aus dem Alltag der beiden Frauen, die sie teils ironisch, teils distanziert kommentieren und bewerten. Als ein neuer Bewohner in das Haus einzieht, in dem sie leben und arbeiten, geht plötzlich alles ganz schnell – innerhalb weniger Kapitel scheint die Autorin das aufholen zu wollen, was im ersten Teil des Romans auf der Strecke geblieben ist.
Betrachtet man die 12-jährige Paloma mit dem gleichen abgeklärten und altklugen Blick, mit dem sie auf ihre Familie schaut, wirkt sie auf einmal fast niedlich, und liebenswürdig, was ihr wahrscheinlich gar nicht gefallen würde. Mich erinnert ihr “Tagebuch der Bewegung der Welt” ein bisschen an meine Aufzeichnungen und Gedanken mit 14, 15, die mir im Nachhinein etwas peinlich sind. Vielleicht meint auch Muriel Barbery ihre kleine Protagonistin nicht ganz ernst… Fast noch skurriler erscheint Renée, die Concierge, die ihre Intelligenz im Halbdunkel ihrer kleinen Wohnung versteckt. Wozu das Versteckspiel? Wenn sie dem Leser zeigen kann, wie gut sie sich in der russischen Literatur auskennt, wieso nicht auch dem einfältigen Palais-Bewohner?
Ja, einige Passagen des Buchs sind wirklich gelungen. Es finden sich passende Beobachtungen und rührende Kommentare der beiden Frauen zu alltäglichen Szenen, die mich zum Schmunzeln oder auch zum Nachdenken gebracht haben.
Wer nichts gegen alltagsphilosophisches, intellektuelle Geschwurbel in Unterhaltungsromanen hat, sollte “Die Eleganz des Igels” sofort lesen. Als Urlaubslektüre nur eingeschränkt empfehlenswert.
Ich will mehr! Wo bleibt der Nachschub?! ;)