Der Tag, an dem ich zu schreiben begann April 9, 2012

Filed under: la littérature,la vie — Lena Ackermann @ 18:42

Er sagt: „Lena, wir müssen schreiben.“

Recht hat er, und so schließen wir einen Pakt. Zwei Seiten bis zum nächsten Montag, egal worüber. Sich zusammenreißen und etwas aufs Papier bringen, gut oder schlecht, Hauptsache, man schreibt. Schreiben als Notwendigkeit? Er sagt: „Lena, ich kann nicht linear schreiben. Ich kann nicht sagen, hier ist die Handlung, hier ist der Twist, hier sind die Charaktere. Eines Tages werde ich einen linearen Roman schreiben, nur um mir zu beweisen, dass ich es kann.“ Ich sage: „Ich kann nur linear schreiben. Ich bin keine Autorin großartiger Prosa.“ Nach einem kurzen Moment füge ich hinzu: „Weißt du, ich wollte schon immer mal ein Kinderbuch schreiben.“

Zu oft fangen meine Gedanken an mit „Man müsste irgendwann mal…“ und nicht mit „Morgen werde ich…“. Als tatkräftiger Mensch, der all die fusseligen Ideen in seinem Kopf auch umsetzt, war ich noch nie bekannt. Meine Gedanken werden beherrscht von Projekten und Vorsätzen, die sich abwechselnd in den Vordergrund drängen, letzten Endes aber doch wieder verschwinden, bevor sie die Chance haben, von Worten zu Taten zu werden.

Das gilt für viele Dinge, angefangen bei den typischen Neujahrsvorsätzen wie Sport und gesunde Ernährung bis zur altbekannten Studentenweisheit, im nächsten Semester früher mit Referaten und Klausurvorbereitung anzufangen. Besonders schlimm ist es aber beim Schreiben. Seit Jahren nehme ich mir vor, wirklich einmal etwas zu Papier zu bringen, nicht nur die lächerlichen Anfänge irgendwelcher obskur-romantischen Indie-Liebesgeschichten, die nach spätestens zwei Seiten und nochmaligem Durchlesen doch wieder im Papierkorb landen. Zu langweilig, ein Abklatsch dessen, was ich gelesen und für gut befunden habe, zu viel hier und dort geliehen, und am Ende kaum Lena.
Ich habe Probleme, oder ich mache sie mir –

Zunächst, was ist eigentlich dieses Lena, das ich in meinen literarischen Gehversuchen einfach nicht finden kann? Manche sagen, erst durch das Schreiben finde man zu sich selbst, aber muss man nicht zumindest eine vage Idee vom Selbst haben, damit man etwas wirklich Eigenes aufschreiben kann, das nicht eine schlechte Mischung ist aus literarischen Vorbildern und eigenen wirren Gedanken?

Ganz prätentiös beschreibe ich mich selbst gern als einen vielschichtigen Menschen, ohne zu wissen, was genau das eigentlich heißen soll. Liegt hier vielleicht das Problem? Glaube ich, so komplex zu sein, dass meine Person nicht einfach Ausdruck finden kann? Das wäre ziemlich arrogant und gleichzeitig hinderlich fürs Schreiben. These verworfen.

Dann ist da die ewige Angst vorm Scheitern. Ich hasse es, etwas nicht so auf die Reihe zu kriegen, wie ich es gerne hätte. Oft gehe ich hier den einfachen Weg und versuche es gar nicht erst. Was man nicht anpackt, kann auch nicht schiefgehen. Misserfolge werfen mich unverhältnismäßig weit zurück, und ich hinterfrage alle meine Fähigkeiten und Talente. Dieser innere Schweinehund muss, wenn ich wirklich eines Tages etwas zu Ende schreiben will, endlich von mir überwunden werden. Aus Situationen, in denen es keine Option namens „vermeiden“ gab, habe ich bisher immer einen mehr oder weniger erfolgreichen Ausweg gefunden, also kann ich mir einfach einbilden, auch das Schreiben sei ein Muss.

Ein Kinderbuch also. Als Kind habe ich selbst fast nur Sachbücher gelesen, besser gesagt: in ihnen geblättert, im Fischer Weltalmanach oder in der kleinen Enzyklopädie der Mathematik, die ich damals nicht verstanden habe und auch heute nicht verstehe. An Kinderbücher erinnere ich mich kaum. Wo soll ich anfangen, wenn ich keine Grundlage habe? Seit ein paar Tagen schwirren mir Ideen im Kopf herum, Ideen zur Handlung und zu den Charakteren, Ideen zur Erzählperspektive und zur Zielgruppe dessen, was später mal zu einem Roman heranwachsen soll. Es ist an der Zeit, dass aus den Ideen geschriebene Worte werden, dass „später mal“ zu einem greifbaren Zeitpunkt wird. Somit ist der 9. April 2012 der Tag, an dem ich ohne Ausreden und Kompromisse zu schreiben beginne, um ihm etwas zu beweisen, mir etwas zu beweisen und unseren Pakt einzuhalten.
Übrigens, bis er und ich selbst geschrieben haben, rezensieren wir lieber.

 

I’m at home, baby! Juni 15, 2011

Filed under: la musique,la vie — Lena Ackermann @ 23:55

OBS 15Herzchen und Tränchen, meine Lieben, Herzchen und Tränchen, aber bevor die Erinnerungen verblassen, wird es Zeit, vom Orange Blossom Special 15 zu berichten. Das OBS ist ein ganz spezielles, wunderbares Festival, das eine Menge Beachtung verdient. Diesjähriges Motto: “ You’re at home baby“, und ja, so fühlt es sich an. Drei großartige Tage!
Als Hommage an das großartigste aller sinnlosen Zeitvertreibsspiele, Phase 10, teile ich das OBS mal eiskalt in zehn Phasen ein.

Phase 1 – Three girls, two tents
Vor zwei Jahren haben wir uns zu dritt ein kleines Iglu-Zelt geteilt. Drei Mädels, Schlafsäcke und entsprechendes Gepäck schaffen eine nette Kuschelatmosphäre, die aber nicht sein muss. Dieses Jahr wurde größeres Geschütz aufgefahren, Iglu-Zelt und ein größeres Zelt im geschmackvollen Design der späten 90er, dafür aber mit zwei Schlafkammern. Luxus, Baby! Aber mehr Zelt bedeutet auch mehr Aufbau. Ich finde, wir haben das einigermaßen problemlos hinbekommen, auch wenn wir dabei unter Beobachtung standen (mehr dazu später, vielleicht).

Phase 2 – Das Kaffeezelt
Nicht wegzudenken! Das Kaffeezelt ist morgendlicher Retter und nachmittäglicher Rückzugsort. „Wer bekommt als nächstes?“ – Ich, einen großen Kaffee. Und noch einen. Und einen Erdbeerplunder. Und eine Pizzaschnecke. Nirgendwo lässt sich ein halbes Stündchen zwischen zwei Bands besser bei einer Runde Uno oder Trivial Pursuit verbringen.

Phase 3 – „Guten Morgen, ihr Hübschen!“
Die wenigsten Frauen finden sich morgens nach dem Aufstehen hübsch. Erst recht nicht nach einer ungemütlichen Nacht im Zelt. Wer sich mit noch zerzaustem Haar ein Kompliment abholen will, ist bei der Toilettenfrau an der richtigen Stelle. Anfang 70 und so dermaßen voller Lebensfreude, bewunderswert. Im Laufe der drei Tage haben wir uns schon fast mit ihr angefreundet und wollten uns am letzten Morgen mit Kaffee und Keksen von ihr verabschieden, aber da war sie nicht mehr aufzufinden. Und ihre Web-Adresse hat sie uns auch nicht gegeben.

Phase 4 – Ausflug in die Stadt
Das OBS  findet in Beverungen statt. Beverungen ist das, was man so als „beschaulich“ bezeichnet, eine lange Straße (die auch so heißt), ein paar Geschäfte. In einen Kik kann man sich ja auch nur trauen, wenn man in dem Ort niemanden kennt, also ist Beverungen dafür perfekt. 2009 haben wir uns mit Hello-Kitty-Quatsch eingedeckt, was ich auch dieses Jahr wieder gern gemacht hätte. Nur leider hatte der Kik schon zu… Dafür haben wir nette Spaziergänge zu Aldi, Deichmann und einem Ein-Euro-Laden unternommen, auch nett.

Und nun – Musik!

Phase 5 – Die Überraschungsband
Das gibt es auch nicht auf jedem Festival: Alle stehen am ersten Festivalmorgen früh auf, um die für 11 Uhr angekündigte Überraschungsband zu sehen. Eine wirkliche Überraschung waren Washington  nicht, da sie auf der Kompilation drauf waren, aber hach, so eine großartige Band am Vormittag! Schwelgen in Erinnerungen an das OBS vor zwei Jahren, irgendwo zwischen Schwermut und Freude!

Phase 6 – Dan Mangan
Der tolle Kanadier ist die Überraschung des Festivals! Großartig! Singer/Songwriter vom allerallerfeinsten, ich komm aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus. Vor dem Festival kannte ich nur „Robots“, was mich schon total begeistert hat. Als ich gelesen habe, dass der gute Mann zum OBS kommt, war die Vorfreude extrem. Wie sagte Rembert, „das Wesen der Attraktion ist die Enttäuschung“? Blödsinn! Dan ist live noch viel gr0ßartiger als auf Platte, aber trotzdem lohnt sich jeder Cent für das Album. Läuft hier in Dauerschleife und wird nicht langweilig. Kaufen, Freunde des Holzfällerindie!

Phase 7 – Young Rebel Set
Dass ich eine Schwäche für Musiker in karierten Hemden habe, ist nun wirklich kein Geheimnis. Doch Young Rebel Set sind nicht nur etwas fürs Auge, sondern auch fürs Ohr. 2010 schon zwei Mal live erlebt, aber aller guten Dinge sind drei, und auch diesmal waren die Engländer verdammt gut. Bei ihrem Gig in Düsseldorf habe ich dem Gitarristen gesagt, er sehe aus wie der junge Morrissey und dass er das als Kompliment auffassen soll. Jetzt habe ich festgestellt, dass er wesentlich besser aussieht als Mozzer, hach. Einen Heiratsantrag hab ich ihm, entgegen meiner Ankündigungen, allerdings doch nicht gemacht.

Phase 8 – Gisbert zu Knyphausen
Gisbert ist ein Mann für bestimmte Stunden. Solche wie jetzt, wenn ich mit einem Glas Weißwein am Computer sitze und mich ein bisschen einsam fühle, wenn die Melancholie in greifbarer Nähe lauert. Aber ist er auch ein Mann für einen Festivalabend? Ja, bedingt. Manchmal kann ich ihn gar nicht aushalten, da ist er mir zu traurig, manchmal passt er perfekt. Live ist er anders, nicht besser, nicht schlechter. Ein paar Songs, bei denen ich mich in Gedanken verliere, ein paar, bei denen er mir auf die Nerven geht. War trotzdem schön, ihn mal live erlebt zu haben.

Phase 9 – Who knew
Ein weiteres Highlight, und ich fahre mit T-Shirt und signiertem Album zurück nach Hause. Die sechs Jungs aus Island verstehen ihr Handwerk, ich bin ganz begeistert von ihrer Musik, die ich spontan gar keiner Richtung zuordnen kann. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall! Der Sänger ist so niedlich klein, vielleicht 1,60, aber er schafft es, gute Laute ohne Ende beim Festivalpublikum zu verbreiten. Eine sehr sympathische Band mit tollen T-Shirts mit Eulen-Motiv, dabei ist nicht nur Ellen schwach geworden.

Phase 10 – Thank you Rembert for the great time!
Auch der Rest des Line-Up war, soweit ich das mitbekommen habe, wieder sehr sehr gut, sorgfältig ausgewählt und stimmig. Wunderbar, was Rembert und Co jedes Jahr für musikalische Perlen dort aufspielen lassen, von alten Bekannten über tolle Neuentdeckungen bis zu Bands, die mich persönlich nicht reizen, aber für andere Besucher das Festival ausmachen. Das OBS ist ein ganz besonderer Schatz in der Festivallandschaft, und deswegen noch einmal ein großes Danke an meine tollen Festivalbegleiterinnen, die großartigen Musiker und das OBS-Team :)
Freue mich aufs nächste Jahr!!

 

Lesenswertes on the interwebs Juni 13, 2011

Filed under: Uncategorized — Lena Ackermann @ 23:23

The Computer - an incredible machine for avoiding work

An dieser Stelle möchte ich ein paar Dinge zeigen, die ich in der letzten Zeit in den unendlichen Weiten des Internets gefunden habe.

Zunächst ein Projekt, das ich schon länger kenne und immer gespannt verfolge: Wenn ich mich mit Leuten aus anderen Regionen unterhalte, merke ich oft, dass sie Begriffe und Wendungen benutzen, die hier weniger geläufig sind. Heute erst wurde ich (beim Orange Blossom Special, das aber einen langen eigenen Eintrag verdient hat) gefragt, von wo ich eigentlich wegkomme. Weg? Ich kenne nur herkommen. Solchen Sprachunterschieden und -besonderheiten geht die Uni Augsburg in ihrem Atlas zur deutschen Alltagssprache auf den Grund. Das Beste? Man kann selbst mitmachen! Ganz schön praktisch, das Internet.

Wer eher ein Fan der englischen Sprache ist, sollte mal in die Ergebnisse der Dialect Survey der Univeristy of Wisconsin schauen. Der Ansatz ist der gleiche, nur die Sprache ist eine andere.

Ganz neu entdeckt habe ich den Sprachlog, der sich, wer hätte es gedacht, mit Sprache beschäftigt. Lesenwert für alle, die sich für (die deutsche) Sprache interessieren. Keine Angst, es geht nicht um Sprachnörgelei und Sick’sche Überkorrektheit – ganz im Gegenteil. Der Sprachlog ist Teil der Wissenslogs (siehe Navigation), unter denen sich noch andere sehr empfehlenswerte Blogs finden – für fast jede Art von Nerd ist was dabei.

Nach diesem etwas sachlichen Post möchte ich noch ankündigen, dass in den nächsten Tagen ein Bericht vom Orange Blossom Special 15 folgen wird, ich hab gerade noch Herzchen in den Augen und muss die drei Festivaltage erstmal verarbeiten. :)

 

Über meine ungebrochene Liebe zur deutschen Bahn April 2, 2011

Filed under: la vie — Lena Ackermann @ 19:13

Dieser Text ist ein leicht überarbeiteter Notizbucheintrag vom 01.03.2011.

Der Morgen fängt gut an, nach viereinhalb Stunden Schlaf stehe ich noch nicht ganz wach, Milchkaffee in der Hand, am Leverkusener Bahnhof und warte auf den RE5 nach Remagen. Ziel meiner Reise ist Heidelberg, in Remagen habe ich eine Umsteigezeit von 38 Minuten. Dann: Für den RE5 wird eine Verspätung von 40 Minuten angezeigt. Pokern, dass der Zug die zwei Minuten noch aufholt? Besser nicht. Also ab in den nächsten Zug nach Köln, wo mir dann mitgeteilt wird, dass Reisende des Nahverkehrs den EC bis Koblenz ohne Aufpreis benutzen können. Ab Remagen bin ich zwar keine Reisende des Nahverkehrs mehr, aber gerade diejenigen, die eh schon für den IC bezahlt haben, sollten auch das Recht haben, den EC bis Koblenz zu nutzen.

In der letzten Zeit hatte ich oft Grund genug, mich über die Bahn aufzuregen, aber das kostenlose „Upgrade“ heute war eine kundenfreundliche und zugleich vernünftige Handlung. Außerdem habe ich neulich festgestellt, dass ich eine Bahncard habe, die noch 13 Tage lang gültig ist, was eine Zugfahrt nach Heidelberg sogar einigermaßen bezahlbar macht. Manche Dinge sind eben doch besser als ihr Ruf.

Wenn ich schon beim Thema Interkontinentalflüge nicht mitreden kann, so kann ich jetzt wenigstens behaupten, dass die Sitze im schweizerischen IC-Äquivalent wesentlich bequemer sind als im deutschen Zug. Gleich bin ich schon in Bonn, und das ganz ohne Zwischenhalt. Deutsche Bahn, de temps en temps je t‘♥.

Koblenz Hbf, 10:55
Eigentlich sollte ich seit 40 Minuten im IC nach Heidelberg sitzen. Der hat allerdings 50 Minuten Verspätung, weshalb ich am Koblenzer Bahnhof sitze, und überlege, ob ich die Bahn immernoch so gut finde. Und ich Heldin habe zu allem Überfluss auch noch meine Reisetasche im EC vergessen, großartig. Dank Service-Center läuft nun eine bundesweiter Suchauftrag, der ein bisschen sinnlos ist: Erstens weiß ich doch, in welchem Zug meine Tasche unterwegs ist, und zweitens fährt dieser Zug in die Schweiz. Wenn sie erst dort entdeckt wird, weiß natürlich niemand, dass ich nach ihr suche.

Ich habe dann noch ein Verlustformular der SBB ausgefüllt, und tatsächlich kurz darauf die Antwort bekommen, dass meine Tasche in der Schweiz gefunden wurde. Jetzt habe ich sie zurück.

 

Die Arroganz des Igels Juni 6, 2009

Filed under: la littérature — Lena Ackermann @ 23:24

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igel

Ja, ich finde mich manchmal arrogant. Ab und an halte ich mich auch für etwas Besseres. Trotzdem kann ich es nicht leiden, wenn jemand sein Buch in einen großen Topf voller intellektueller Überlegenheit tunkt, sodass es von dieser nur so tropft.
Fast alle Sätze, die Muriel Barbery ihren Hauptfiguren in den Mund legt, deuten darauf hin, dass sich die beiden Frauen – und mit ihnen die Autorin – ihren Mitmenschen und damit letztendlich auch dem Leser überlegen fühlen. Ein „Ich bin so belesen“ hier, ein „Die Menschen an sich sind so einfältig“ da.
Das Buch hätte mir vielleicht gefallen, wenn die Autorin ihre an sich nicht schlechte Grundidee anders umgesetzt hätte. Ich habe nichts gegen innere Handlung und Kommentare, aber ein bisschen mehr äußere Handlung, ein bisschen mehr Spannung wäre wirklich schön gewesen. Eine Concierge und die Tochter reicher Eltern, die beide sehr inteeleganzlligent sind und es sich damit sogar erlauben können, ein bisschen arrogant zu sein, lassen sich im Wechsel über das aus, was die anderen tun, während sie selbst eher wenig tun. Die fehlende äußere Handlung kann durch den „philosophischen“ Gehalt der Beobachtungen leider gar nicht kompensiert werden.
Dargestellt werden oft isolierte Situationen aus dem Alltag der beiden Frauen, die sie teils ironisch, teils distanziert kommentieren und bewerten. Als ein neuer Bewohner in das Haus einzieht, in dem sie leben und arbeiten, geht plötzlich alles ganz schnell – innerhalb weniger Kapitel scheint die Autorin das aufholen zu wollen, was im ersten Teil des Romans auf der Strecke geblieben ist.
Betrachtet man die 12-jährige Paloma mit dem gleichen abgeklärten und altklugen Blick, mit dem sie auf ihre Familie schaut, wirkt sie auf einmal fast niedlich,  und liebenswürdig, was ihr wahrscheinlich gar nicht gefallen würde. Mich erinnert ihr „Tagebuch der Bewegung der Welt“ ein bisschen an meine Aufzeichnungen und Gedanken mit 14, 15, die mir im Nachhinein etwas peinlich sind. Vielleicht meint auch Muriel Barbery ihre kleine Protagonistin nicht ganz ernst… Fast noch skurriler erscheint Renée, die Concierge, die ihre Intelligenz im Halbdunkel ihrer kleinen Wohnung versteckt. Wozu das Versteckspiel? Wenn sie dem Leser zeigen kann, wie gut sie sich in der russischen Literatur auskennt, wieso nicht auch dem einfältigen Palais-Bewohner?
Ja, einige Passagen des Buchs sind wirklich gelungen. Es finden sich passende Beobachtungen und rührende Kommentare der beiden Frauen zu alltäglichen Szenen, die mich zum Schmunzeln oder auch zum Nachdenken gebracht haben.
Wer nichts gegen alltagsphilosophisches, intellektuelle Geschwurbel in Unterhaltungsromanen hat, sollte „Die Eleganz des Igels“ sofort lesen. Als Urlaubslektüre nur eingeschränkt empfehlenswert.

 

„Innere Zerrissenheit“ Juni 5, 2009

Filed under: la littérature — Lena Ackermann @ 00:29

Alexa Hennig von Lange – Risiko

Buch_RisikoAm Freitag habe ich im Zug mein Buch vergessen. Im kleinen Netzfach des Sitzes vor mir ist „Musicophilia“ von Oliver Sacks ohne mich nach Stralsund gefahren.
Am Wochenende brauchte ich kein Buch (siehe unten), aber am Montag hätte ich ohne 28 Minuten lang ohne Ablenkung in Düsseldorf rumgesessen. Also schnell in die Bahnhofsbuchhandlung und gucken, was mich spontan anspricht. Alexa Hennig von Lange… mag ich… Klappentext klingt in Ordnung… kauf ich.

Leute sind sicherlich oft „innerlich zerrissen“. Allerdings sagen sie das nie, es sind höchstens die Autoren, die ihnen dieses Gefühl zusprechen. Nirgendwo sind so viele Menschen „innerlich zerrissen“ wie in der Literatur. So auch die Protagonistin hier. Klar, wie soll man sich auch sonst fühlen, wenn es das Schicksal bisher nicht besonders gut mit einem meinte und man jetzt auch noch eine Affäre mit der Jugendliebe hat, obwohl man seinen Mann doch noch liebt? Wo es um Liebe geht, ist die Eifersucht nicht weit.
In „Risiko“ scheint sie die treibende Kraft zu sein, aus der die Handlung entsteht. Die Handlung, ja. Ein Thriller soll das Buch sein, und die Handlung ist dem Genre angemessen spannend. Allerdings nicht immer nachvollziehbar oder logisch und zum Ende hin etwas langatmig.
Weniger gelungen finde ich die Charaktere, deren Facettenreichtum zwar angedeutet wird, dann aber doch etwas auf der Strecke bleibt- nur ein, zweib Charakterzüge pro Person werden fixiert und ausgearbeitet. Unklar bleibt mir auch die Funktion einiger Nebencharaktere.
Ich bin ein bisschen „innerlich zerrissen“, was das Buch angeht. Es lässt sich gut lesen, die knapp 280 Seiten kamen mir weniger vor, die Geschichte war gut, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass mir etwas gefehlt hat.
Da ich aber nicht sagen kann, was genau das war, empfehle ich das Buch weiter. Sollte jemandem etwas fehlen, so teile er oder sie es mir bitte mit (:

 

Dass man das stärker liebt, was man seltener sieht Juni 4, 2009

Filed under: la musique,la vie — Lena Ackermann @ 23:42

Orange Blossom Special

Es ist ein wunderbares Gefühl, frisch gebadet auf dem bequemen Sofa zu sitzen. Wesentlich komfortabler, als in einem Zelt zu liegen und kaum ein Auge zuzubekommen, weil es eng ist, kalt und gleichzeitig stickig.
Zelt hin oder her – das Pfingstwochenende war eines der besten Wochenenden des Jahres. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass der Bus einfach so an uns, die wir bepackt mit Zelt, Kleidung und Essen und so ein bisschen „wie die Asis“ an der Haltestelle standen, vorbeigefahren ist.

Trotzdem haben wir uns dann „gefreut wie die kleinen Kinder“ (K. Gropper), als wir unser Zelt endlich auf der Beverungener Kuhweide aufgestellt hatten. Zweieinhalb Tage lang großartige Musik bei ebenso großartigem Wetter lagen vor uns.

Es ist schwierig, alle Eindrücke in Worte zu fassen, die die Musik bei mir hinterlassen hat, da einige Auftritte nur mit dem Wort „überwältigend“ angemessen gewürdigt werden können.
Das gilt insbesondere für Get Well Soon, die als Kirsche auf dem Sahnehäubchen am Sonntagabend gespielt haben. „Die deutschen Arcade Fire“, könnte man sagen. Allerdings will ich gar nicht vergleichen, da die sieben Musiker eine einzigartige Show hingelegt haben. Beeindruckend, wie Rock’nRoll ein Kinder-Glockenspiel sein kann! Gefühlsausbrüche Deluxe!
Mein persönlicher Liebling ist Kristoffer Ragnstam, ein Schwede, der – genau wie sein Landsmann und Namensvetter Kristofer Åström – ganz wunderbare Musik macht. Der Teenie in mir konnte nicht anders, als das Handy zu zücken, um Kristoffer zu fotografieren. Jetzt ziert ein Foto von ihm den Handyhintergrund, und das letzte „Sweet Bills“-T-Shirt ist in meinem Besitz.
I am Kloot und ihre Songs über irgendwas „and disaster“ waren auch überwältigend, ebenso The Miserable Rich, deren „symphonischer Kammerpop“ mit Rotwein und Streichern reif für die ganz große Bühne ist. Allerdings würde ich auch nicht nein sagen, wenn sie in meinem Wohnzimmer etwas Kammermusik machen wollen würden. Sehr niedlich fand ich hier auch das Deutsch des Sängers, das sogar über „Dankeschön!“ und „Prost“ hinausging, woran sich alle anderen versucht haben.
Highlight des ersten Abends waren Washington, die laut Julia endlich mal wie die Weltstars behandelt wurden, die sie eigentlich sein sollten. Und das völlig zu Recht!

Sehr angenehm war auch die gesamte Festivalatmosphäre inklusive Minicalzone, Müllkindern und rappend im Kaffeezelt sitzen.
Praktisch: Der Kik in der Nähe des Festivalgeländes, dessen Taschenlampen uns davor gerettet haben, auch in der zweiten Nacht nur mit dem Licht der Handys zum Zelt finden zu müssen…  Plus Strohhut und Hello-Kitty-Quatsch.

Ich freue mich aufs nächste Jahr! Bis dahin gilt: Ich liebe das stärker, was ich seltener sehe. Allerdings kann ich mir’s in Zukunft ständig anhören, weil ich direkt am Dienstag eine beachtliche Amazon-Bestellung abgeschickt habe. Und das eigene Bett, die eigene Dusche, die liebe ich ja auch.

P.S.: Wie hieß noch gleich die Band, die vor Washington gespielt hat? Was mit S? Ach nee, Gods of Blitz. Aber war gut, dass sie das ungefähr hundert Mal gesagt haben, ich hätts sonst vergessen.